Umgang mit unseren Altstädten

Es findet eine Trendwende im Umgang mit unserem baulichen Erbe statt

Wir schätzen es wieder und das merkt auch die Politik - die heute anders als früher kaum noch Handlungsspielraum hat. Der Gesellschaft stellt sich das Problem deshalb auch als Chance: Innovative Wohnkonzepte aus der Mitte der Gesellschaft können heute Zukunft gestalten.

Ansicht von Felsberg Ansicht von Felsberg jl

Es geht doch an der Realität vorbei, wenn in strukturschwachen Regionen immer neue Baugebiete ausgewiesen werden. Immer in der Hoffnung, irgendwer würde sich noch "erbarmen" und ein Häuschen dorthin setzen, wo alle anderen ans Gehen denken. Überspitzt formuliert natürlich. Die Folge sieht man indes überall: Abwanderung aus den Zentren in den Speckgürtel - oder eben ganz weg.


Und doch kann man die vorübergehende Ausblendung der Realität leicht nachvollziehen: Der Deutsche baut gern und die Politik kann diesem Wunsch leicht und ohne allzu große Investition nachkommen. Die Möglichkeit des Neubaus schafft Attraktivität und lenkt von den Problemen der alten Zentren ab. Natürlich hat man den Neubau gefördert – was letztlich auch gesellschaftlich getragen war.

 

Mit gutem Beispiel voran

Heute ist es gesellschaftlich getragen, genau diese Politik zu verurteilen – und der Druck wirkt: So berichtete unlängst die HNA über das Fritzlarer Projekt Vitalisierung der Fritzlarer Innenstadt und der Kernbereiche in den Stadtteilen. Was etwas zäh klingt, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung: Um einen Überblick zu gewinnen, wurde zunächst der Bestand analysiert. Dann wurden Genehmigungsverfahren vereinfacht und Fördermittel angeboten. Die Stadt bietet so auch ohne große finanzielle Eigenleistung dringend benötigte Unterstützung und Orientierung für Hauseigentümer. Denn Fördermittel gibt es an und für sich viele - viel Kleingedrucktes inklusive.

 

Iin den Amtsstuben muss es als Aufgabe begriffen werden, regulierend in die Altstadtentwicklung einzugreifen. Und nein, nicht durch Restriktion gegen den Bürger - durch Kommunikation und gutes Beispiel! Denn die alten Zentren sind es wert, erhalten zu werden. Schon weil sie nach Innovation verlangen und Innovation ist das, was wir alle als Fortschritt bezeichnen.

 

Und sicher, in den Rathäusern hat man diese Aufgabe vielerorts erkannt. Doch ist das heute nicht mehr die Frage. Heute fehlt es häufig nicht an Einsicht, sondern an Handlungsspielraum: Abgerissen wurden die Altbauten, als man nicht wusste, wohin mit dem Geld. Jetzt wünscht man sie sich zurück. Nur wie – das weiß man nicht.

 

Konkret kann man in Felsberg heute mit politischer Unterstützung rechnen. Auch von Seiten der Denkmalpflege gibt es Interesse daran, gemeinsam - ohne sich gegenseitig zu blockieren - eine Lösung zu finden. Die GeGeFe schätzt sich glücklich, diese Rahmenbedingungen vorzufinden. Bürgermeister Volker Steinmetz hat hierzu kritisch eingeräumt, dass die Ausweisung neuer Baugebiete in Felsberg kein Allheilmittel ist und niemals war – es müsse viel mehr darüber nachgedacht werden, wie man die Altstadt in einen attraktiven Wohnraum wandeln könne.

Doch fehlt eben das Geld

Deshalb sprechen wir bei der GeGeFe wenig über Politik. Wir agieren bewusst politisch unabhängig, weil wir die Organisationsform der Genossenschaft als Befähigung betrachten, aus den vorangegangenen Initiativen konkrete Projekte zu realisieren. Was die Kommune heute alleine nicht mehr leisten kann, sehen wir über eine Genossenschaft als realisierbar an – daher unser Name. Wir suchen die Kooperation aus der Einsicht heraus, dass die Kommune alleine nicht mehr alles leisten kann, doch machen wir die Kommune jetzt und heute nicht dafür verantwortlich.

 

Beispiele hierfür gibt es viele. Bekannt und häufig sind Genossenschaften, die Grundschulen, Hallenbäder und andere Institutionen im öffentlichen Raum betreiben, weil die Kommunen sie nicht mehr tragen können.

 

Wir glauben, dass die Felsberger selbst sehr viel mehr dafür tun können, dass ihre Altstadt nicht weiter verfällt. Jeder hat individuelle Fähigkeiten, die er bei Interesse in der Genossenschaft kanalisieren kann. Wir sind indes auf diese Hilfe angewiesen, begreifen aber auch, dass wir dazu zunächst Glaubwürdigkeit in Form konkreter Projekte beweisen müssen.

 

Noch sind wir nicht viele und arbeiten rein ehrenamtlich an konkreten Konzepten, Machbarkeitsstudien und Businessplänen - denn natürlich müssen wir uns für die Finanzierung der Projekte wie alle anderen wirtschaftlichen Einheiten absichern. In Kürze können wir hier erste Projekte vorstellen und dann würden wir uns freuen, gemeinsam mit Ihnen an der Zukunft unserer Stadt arbeiten zu können.

 

Denn unserer Auffassung nach werden wir alle künftig viel mehr selbst dafür verantwortlich sein, wie lebenswert unsere unmittelbare Umgebung ist – und das ist unsere Motivation.

jl

 

Lesen Sie auch: Denkmalpflege sieht Fachwerk in Gefahr. Publiziert in: HNA online, 11.04.2010

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