Warum saubere Energie kein Desertec braucht

Die großen Versorger sehen ihre Felle davonschwimmen. Zu unflexibel sind die Lösungen der Großindustrie. Die Gewinner sind regionale Anbieter, die ihren Strom selbst produzieren

Intelligente Systeme für einen smarten Planeten - der Werbeslogan des Technologieunternehmens IBM wird vielen auf die Nerven gehen. Denn smart soll heute alles sein. So heißt die ehemalige Ruhrkohle AG heute Evonik Industries, was sicher teuer war, doch verbrannt wird nach wie vor bloß staubige Kohle in Kraftwerken, die daraus Strom erzeugen.

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Desertec Foundation ist auch so einen smarter Name, gegründet unter anderem von den großen Versorgern E.On und RWE, sowie Technologiemultis wie Siemens und Finanzpartnern wie der Deutschen Bank. Dahinter steckt der fulminante Plan, Sonnenstrom für ganz Europa künftig in nordafrikanischen Solarthermiekraftwerken produzieren zu lassen, um ihn dann in riesigen Hochspannungs-Gleichstromnetzen nach Europa zu befördern. Ein logistischer Meisterakt, dessen technologische Grundlagen weit entfernt von der Marktreife sind - Unternehmen wie Siemens freuts.

 

Weit von der Marktreife entfernt sind nach Meinung der großen Versorger auch Windkraftanlagen, die ungeachtet dessen in Deutschland bereits 2009 6,7% des Energiemix ausmachten. Die Popularität der Anlagen konnte indes auch an RWE nicht vorbei gehen, weshalb im Rahmen der Imagekampagne "voRWEg gehen" eilig ein Trickfilm in Auftrag gegeben wurde, welcher einen knuffigen Riesen zeigt, der zu den Klängen des amerikanischen Kinderliedes I Love the Mountains erwacht und seinen Tag damit verbringt, Wind- und Gezeitenkraftwerke in traumhafter Leichtigkeit zu verteilen. Zufrieden schaut er am Abend auf sein Werk und der Spot endet mit der Message: "Es kann so leicht sein, Großes zu bewegen - wenn man ein Riese ist". Zurück in der Realität stellt Greenpeace in einem Gutachten von 2008 jedoch fest: Nur 0,1 Prozent beträgt der Windstromanteil am RWE-Mix. Richtig Wenig Erneuerbare Energien, fanden die Umweltschützer.

 

Desertec bisher nur Fata Morgana

Frühestens 2050 könne mit dem Einsatz gerechnet werden. Ob der technisch wirklich realisierbar ist, prüft man derzeit. Die Europäische Union bereitet derweil den Weg für die Planung des Super-Grids - nichts soll dem mega-Projekt im Weg stehen. Komisch ist das schon, denn Lösungen, die weit einfacher und ohne multi-Milliarden Investitionen möglich sind, werden blockiert. So scheiterten bisherige privatwirtschaftliche Initiativen des norwegisch-schweizerischen Unternehmens NorGer, ein Seekabel zu verlegen, welches billigen Wasserstrom aus Norwegen nach Deutschland liefern könnte. In der Gegenrichtung würde, so das Konzept, überschüssiger Strom aus deutschen Windparks nach Norwegen gelangen, wo er in Pumpspeicherwerken gepuffert werden könnte. Bisher verschenkt man den deutschen Ökostrom an das Ausland, wenn bei starkem Wind die Netze überlastet werden und Atommeiler wegen ihrer Trägheit nicht gedrosselt werden können. Trotzdem sieht man im Bundesministerium "keinen Handlungsbedarf". Wie die tageszeitung berichtet, setzen sich zwar einzelne Politiker für das Projekt ein, Grund zur Eile sieht man im Bundeswirtschaftsministerium von Rainer Brüderle (FDP) jedoch nicht.

 

Die Konzerne begnügen sich mit märchenhaften Aktionismus und doch steigt ungeachtet dessen der Anteil erneuerbarer Energien. Privatleute und private Investoren sorgen mit ihrem Engagement für Ökostrom dafür, dass die Großprojekte der Industrie bei ihrer Marktreife wohlmöglich überflüssig geworden sind. Derzeit laufen bundesweit die Netz-Konzessionen aus und jetzt wagen viele Kommunen nach 20 Jahren teils ärgerlicher Erfahrungen mit den großen Versorgern den Schritt in die früher ganz normale Unabhängigkeit: Stadtwerke wie in Wolfhagen übernehmen regional Netze wieder selbst. Der Strom wird teils eingekauft oder selbst produziert. Die Stadtwerke bieten den Strom mit geringeren Margen günster für den Kunden an und die Wertschöpfung wird bei eigener Produktion dort realisiert, wo er verbraucht wird: In der Region. Ein eigener Windpark schafft erfolgreich Unabhängigkeit und die Bürger haben ihre Versorgung selbst in der Hand. Der Rückkauf der Netze ist eine Investition in eine nachhaltige Stromversorgung. Smart sind heute also plötzlich wieder die, denen man in den letztem Jahren gerne Anderes zugeschrieben hat: Kämmerer und Bürgermeister, Stadtverordnete und Magistratsangehörige von Kommunen, die den Schritt in die Unabhängigkeit wagen. Sie bieten ihren Kunden Angebote, die weit besser sind als das, was die Konzerne als Zukunft verkaufen wollen.

 

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Vermeindliche Vorteile der Kernenergie. Foto (c) Wladyslaw Sojka / Wikipedia.de

 

Der dunkle Schatten der Riesen

Eine chinesische Weisheit mahnt den Schatten eines Zwerges nicht für einen Riesen zu halten. Kernenergie ist der Schatten der Riesen, die heute unsere Energiepolitik bestimmen. Und Schatten wird auch bleiben, nur "knuffig" wird den niemand finden: Denn kein Mensch kann heute sagen, wie teuer der schmutzige Müll aus dem CO2-neutralen Strom für künftige Generationen werden wird. Gewiss ist nur, dass die Betreiber selbst dafür nicht werden aufkommen müssen.


In letzter Sekunde wurde ein für Anfang 2011 geplanter Atommülltransport von Ahaus in das russische Endlager Majak gestoppt, vorerst. Das Gebiet ist neben Tschernobyl die verstrahlteste Region der Welt. Schon 1957 kam es dort zu einem Gau, der erst viel später im Rahmen der Perestroika publik wurde. Die dortige ehemalige Forschungsanlage wird heute zur Wiederaufbereitung von Uran genutzt; der Schweizer Stromversorger Axpo bezieht Uran für seine Kraftwerke aus Majak. Auf Kritik reagierte ein Axpo-Sprecher in einer Stellungnahme mit "Befremden": Axpo sei "Transparenz und Nachhaltigkeit verpflichtet".

 

In Frankreich bezeichnet der Energiekonzern Areva die Wiederaufbereitung von Brennelementen als Recycling. In Wirklichkeit emittiert die Anlage nach Greenpeace Messungen Jahr für Jahr zig Millionen Liter radioaktives Wasser und leitet sie über unterirdische Leitungen in den Ärmelkanal. Die Entsorgung von Atommüll im Meer wurde zwar durch internationale Abkommen schon vor Jahren untersagt - untersagt wurde jedoch nur die Entsorgung des Mülls in Fässern. Rohrleitungen bleiben davon unsinnigerweise unberührt. Nach einer arte-Dokumentation "Albtraum Atommüll" landen große Teile der Abfälle von La Hague letztlich in Russischen Endlagern - von einem Recycling kann also keine Rede sein.

 

Der Traum vom sauberen Strom aus Atomkraftwerken: Geplatzt.
Der Traum vom billigen Strom aus Atomkraftwerken: Ein Märchen.

 

Nach einer Studie des Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Greenpeace hat die Atomindustrie bis heute mehr als 200 Milliarden Euro staatliche Fördergelder erhalten. Neben steuerlichen Vorteilen profitiert die Branche von staatlich gedeckelten Versicherungsprämien, Kostenübernahme für Lagerung und Transport von Atommüll, sowie staatlicher Forschung im Bereich Kernenergie.

 

Die Tatsache, dass viele Ökostrom-Anbieter ihre Atom-Konkurrenz preislich unterbieten, lässt Aufblicken. Wer sparen will, wechselt zu unabhängigen Ökostromanbietern, so rät es Bernward Janzig in einem Kommentar.

 

Vieles geht - und geht schief

Gut geht es den Konzernen trotzdem nicht. Aus der RWE Kampagne mit dem knuffigen Riesen machte Greenpeace statt voRWEg gehen ein Richtig Wenig Erneuerbare Energien und stellte dazu die eigene Interpretation des Trickfilmes ins Internet. Für die ZEIT ist der Vorgang symptomatisch für eine ganze Reihe von Schwierigkeiten der großen Betreiber:

  • Trotz Laufzeitverlängerung wenden sich viele Anleger ab; die Erfahrung, dass Gesetze sich von Regierung zu Regierung ändern, schafft Unsicherheiten. Die Kurse fallen.
  • Die Kunden sind sauer, ständig steigende Preise bei immer neuen Rekordgewinnen will niemand mehr akzeptieren. Zu allem Übel bildet sich gerade jetzt wieder neuer Widerstand gegen Atomkraft.
  • Dazu kommen Politiker, die gelernt haben mit dem Thema Wahlkampf zu machen und nicht mehr nur auf Kuschelkurs mit den Konzernen sind.

 

Wer heute den Stromanbieter wechseln möchte, hat große Auswahl. Aber längst nicht alle Angebote sind seriös. So schillernd die Offerten sind, so fragwürdig ist häufig die Realität. Die gesetzlichen Regelungen sind wie gewöhnlich undurchdringlich und längst nicht alles, was legal ist, ist auch moralisch vertretbar. Vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) berücksichtigte Anlagen müssen den produzierten Strom zu gleichen Teilen jeder Stromlieferung beifügen - die Vermarktung als Ökostrom ist unmöglich. Entsprechend knapp ist das Angebot echter erneuerbarer Energie in Deutschland: Einzig Anlagen aus der Zeit ohne EEG-Förderung können genutzt werden, der Rest wird bei allen Anbietern aus dem Ausland zugekauft. Weil einzelne Länder jedoch bisher nur für den eigenen Bedarf produzieren, findet lediglich ein Austausch statt: Importiert ein Anbieter Ökostrom aus einem anderen Land, fließt der deutsche Energiemix mit einem 84-Prozentigem Anteil nicht erneuerbarer Energien zurück. Damit ist kein Gramm CO2 gespart. Lediglich die Verdrängung bestehender konventioneller Kraftwerke ist daher wirklich nachhaltig.

 

Das Beispiel zeigt: Projekte wie NorGer machen nur Sinn, wenn Deutschland ausreichend Windstrom produziert, der dann in dem Fall in Norwegischen Pumpspeicherwerken gespeichert werden kann, um im Bedarfsfall zurück zu fließen. Der reine Austausch mit dem Deutschen Energiemix ist sinnlos; Norwegen könnte dann seinen hohen Stromverbrauch nicht mehr guten Gewissens legitimieren. Die Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing erkennt in ihrem Papier Energiewirtschaft 2009 ein Ausbaupotenzial für Wasserkraftanlagen von weiteren 40%, diese umschließen jedoch auch umstrittene Planungen von Anlagen an den wenigen noch erhaltenen Gebirgsbächen des Landes.

 

Von Klein auf gelernt

Letztlich sind es also die regionalen Energieversorger, die die Wende schaffen könnten. Unternehmen wie die Stadtwerke Wolfhagen planen eigene Windkraftanlagen zu errichten. Am Rödeser Berg bei Wolfhagen sollen fünf Windkraftanlagen die Region mit Strom versorgen. Gegner finden sich freilich auch hier: Aus der Angst vor Lärm, Schlagschatten und nächtlicher Schlafstörung durch blinkende Signalleuchten hat sich in Wolfhagen die Bürgerinitiative Wolfhager Land - Keine Windkraft in unseren Wäldern geformt. Ein Dokumentarfilm der Stadtwerke beleuchtet viele der Gegenargumente und lässt Fachleute, Gegner und Befürworter Stellung nehmen. Zwei Argumente der Gegner zeigt der Film zum Schluss: Grundsätzlich unterstütze man die Windkraft, wolle sie jedoch nicht vor der eigenen Haustür. Und: Die weltweiten Klimaziele werde man von Wolfhagen aus doch auch nicht erreichen können.

 

Der Souverän ist letztlich der Kunde. Seine Entscheidung stellt die Weichen für die Energiesysteme des 21. Jahrhunderts. 

jl

 

Einige Quellen:

Erneuerbare Energien in Zahlen

RWEs Energieriese

Interpretation des RWE Trickfilms von Greenpeace

Leitfaden Konzessionsrecht vom Bundeskartellamt (pdf)

die tageszeitung: Lichtblick schlägt RWE - Kommentar von Bernward Janzing

ARD Monitor: Die Lüge vom teuren Ökostrom - Warum die Stromrechnung wirklich so hoch ist

hr: Schmutziges Recycling - Die Wiederaufbereitungsanlage La Hague

WDR Quarks & Co: Das Märchen vom billigen Atomstrom - Was kostet der Strom aus Kernkraftwerken wirklich?

SWR Report Mainz: Wie die Bundesregierung sauberen Strom aus Norwegen blockiert

DIE ZEIT: Warum bei E.on, RWE und Co. die Nerven blank liegen

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